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Pressestimmen

Badener Tagblatt, 27. November 2016, Ursula Burgherr:
«Bei den Männerstimmen haben wir einen Engpass»

Der Kammerchor Baden setzt seine «Glanzlichter» in die Adventszeit.
«So verschieden wie wir Menschen sind, so unterschiedlich sind die Gedanken zu den christlichen Texten», meint Renato Botti, Dirigent des Kammerchors Baden.
Obwohl am «Black Friday» ganze Horden von Schnäppchenjäger auf Shoppingtour herumwieselten, war die Reformierte Kirche voll besetzt. Sobald sich das Eingangsportal schloss, tauchte man in eine andere Welt ein. Still und andächtig hörte das Publikum den 40 Stimmen zu, die «Dich Gott loben wir» jubilierten. Und egal, ob man mit all den Lobpreisungen, Huldigungen und Demutsbezeugungen in der Kirchenmusik etwas anfangen kann oder nicht, schön anzuhören und berührend ist sie allemal. Zum Einstieg des Adventskonzertes unter dem Motto «Glanzlichter» singt der Kammerchor das «Te Deum» von Mozart und zeigt sich von Anfang an volltönend, akzentuiert, mit einer schönen Agogik. Ein bisschen mehr Männerstimmen könnte die Singgemeinschaft allerdings vertragen. «Da haben wir leider einen Engpass wie viele andere Chöre», gesteht Botti.

Profisängerinnen brillieren
Vollends in den Bann gezogen wird das Publikum in der Reformierten Kirche von Vivaldis «Magnificat», einem anspruchsvollen Stück mit hymnischen Akkorden und viel Dramatik. Die beiden Profisängerinnen Asa Dornbusch (Alt) und Viviane Hasler (Sopran) brillieren in ihren Soloparts, ein Streichquintett untermalt die Gesänge. Als Gegenpol zur Musik aus dem 18. und 19. Jahrhundert führt der Kammerchor Baden einige zeitgenössische Werke des englischen Komponisten John Rutter auf, die fast poppige, musicalartige Elemente aufweisen. Bei «The Lord is my light and my salvation» singen und summen die Zuhörerinnen und Zuhörer nach Aufforderung von Botti kräftig mit; die Texte werden mit Beamer an die Wand projiziert, viele klatschen und schmunzeln über ihre eigenen Gesangskünste. Und sofort wird die anfänglich etwas verhaltene Stimmung lockerer. Der Chorleiter des Badener Kammerchors versteht es, die Leute mitzureissen. Denn er ist nicht nur passionierter Kirchenmusiker, sondern auch Musiklehrer an der Kanti Wettingen und Dirigent der Fricktaler Bühne, die zurzeit in Rheinfelden das Musical «My Fair Lady» aufführt. Den Badener Kammerchor leitet er seit 2005. Nachwuchsmangel gibt es aufgrund von Bottis grossem Beziehungsnetz kaum. «Wir sind zurzeit gut unterwegs und haben grad vier neue junge Leute dazubekommen.» Und für nächstes Jahr hat er auch schon ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: «Wir führen das ‹Stabat Mater› von Joseph Haydn auf. Allerdings erst im Herbst 2017, nach der Badenfahrt. Denn die wollen wir alle ausgiebig geniessen.»

Aargauer Zeitung, 28. Juni 2015, Myrtha Schmid:
Der Kammerchor geht neue Klangwege

Bekannte Werke werden mit extrem reduzierter Orchesterbegleitung zur Aufführung gebracht – zum Teil eine Herausforderung für sensible Ohren.

Unter dem Motto «Neu gehört» erklang bereits das zweite Konzert dieser Art. Bekannte Werke werden dabei in neuer, extrem reduzierter Orchesterbegleitung zur Aufführung gebracht. Drei Instrumente, ein Klavier, ein Harmonium und ein Schlagzeug übernahmen die Aufgabe, die gewohnte orchestrale Fülle zum Erklingen zu bringen. Unvorstellbar! So der erste Impuls auf dieses Experiment, das bereits im vergangenen Oktober für Aufsehen gesorgt und am letzten Samstag in der reformierten Kirche Baden eine Zweitauflage erlebte. Diesmal standen Bruckners und Dvoraks «Te Deum» sowie Schumanns «Nachtlied» als von Renato Botti adaptierte Versionen auf dem Programm – und nötigten Aufführende und Zuhörende zu neuem Singen und anderem Hören.

Da mussten keine gewaltigen Orchestertutti und Bläserfanfaren übertönt werden, hier stand der ausgewogene Chorklang im Mittelpunkt, hier waren Transparenz und Reinheit sowie ausgefeilte Dynamik angesagt. Über diese Chortugenden verfügt der Kammerchor Baden unter seinem Dirigenten Renato Botti in reichem Masse und durfte sie aufs Schönste zelebrieren. Dem 50-köpfigen Chor standen die Solisten Mélanie Adami (Sopran), Johanna Ganz (Alt), Walter Siegler (Tenor) und Michael Raschle (Bass) zur Seite und traten ausserdem als Interpreten von Liedern Schumanns und Dvoraks äusserst sympathisch und stilsicher in Erscheinung. Auch hier war Anpassung an eine ungewöhnliche Begleitung gefragt: Vor allem die fremdartigen, akkordeonähnlichen Klänge des Harmoniums stellten eine Herausforderung für sensible Ohren dar.

Der eindrücklichen Strahlkraft des Chores, wie sie in den Lobgesängen Bruckners und Dvoraks zur Geltung kam und kaum je an Intensität verlor, setzte Schumanns selten gehörtes «Nachtlied» ein wohlklingendes Beispiel von Innigkeit und zartem Schmelz gegenüber.

So neu und ungewohnt die Interpretationen daherkamen und in ihrer schlanken Version bestimmt nicht jedermanns Sache sind, hätte das Konzert vom Samstagabend mehr Beachtung verdient. Hier wagt ein klassisches Ensemble neue Wege und macht aus der Not der hohen (Orchester)-Kosten eine Tugend. Mut und eine Prise Unverfrorenheit gehören zwar dazu, wenn jedoch die unbedingte Verpflichtung zum Sinn und Geist der ausgewählten Werke spürbar wird, lohnt sich das Wagnis und die Neu-Entdeckung wird zum überraschenden Gewinn.

Aargauer Zeitung, 23. Oktober 2014, Tabea Baumgartner:
Not macht den Dirigenten erfinderisch

Der Kammerchor konzertiert mit Werken von Brahms, Bruckner und Beethoven. Weil es immer schwieriger wird an finanzielle Mittel für grosse Projekte zu kommen, arbeitet Dirigent Renato Botti mit drei Musikerinnen statt einem ganzen Sinfonieorchester.

Aus dem Innern der Reformierten Kirche Baden dringt ein warmer Klang - Chorgesang, als käme er aus einer anderen Zeit. Vertraut, und doch anders. «Dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt» – darauf folgt ein dissonanter Akkord, ein Moment des Schauderns.

Der Text stammt von Friedrich Schiller, die Melodie von Johannes Brahms. Traditionell wird Brahms «Nänie» mit Sinfonieorchester aufgeführt. Doch in der Kirche ist kein Orchester zu sehen. Zwischen dem Kammerchor Baden und ihrem Dirigenten Renato Botti haben sich stattdessen drei Musikerinnen platziert: die Pianistin Rahel Sohn, die Cellistin Daniela Hunziker und die Akkordeonistin Ina Hofmann.

Ein Arrangement von Renato Botti ermöglicht den drei Musikerinnen, den Part des Orchesters zu übernehmen – «unkonventionell, fast ein bisschen frech, aber dennoch ganz der Brahm’schen Musik verpflichtet», wie Botti einräumt.

Wie kommt es dazu, dass ein Piano, ein Cello und ein Akkordeon ein ganzes Orchester zu ersetzen wagen? «Natürlich würden wir das Werk auch mit einem Sinfonieorchester aufführen, was wir in vergangener Zeit bereits gemacht haben.

Es ist jedoch schwieriger geworden, an finanzielle Mittel für solche Projekte zu gelangen», erklärt Botti. Was folgt daraus? Entweder verzichtet man darauf, diese Werke aufzuführen oder man entwickelt etwas Neues daraus.

So arrangierte Botti einige bekannte Werke von Brahms, Bruckner und Beethoven für Sinfonieorchester und Chor für die genannte Besetzung. «Darf man das?», wirft Botti die brennende Frage gleich selber in den Raum. «Ich glaube, man darf.»

Im 19. Jahrhundert war es nicht aussergewöhnlich, dass bedeutende Orchesterwerke kammermusikalisch adaptiert wurden, teilweise von ihren Komponisten selber. Eines der bekanntesten Beispiele liefert Brahms mit der Klavierfassung seines deutschen Requiems gleich selber. «Ich bin also nicht der Erste, der auf die Idee kommt», sagt Botti lachend. 
Er verweist auf weitere arrangierte Fassungen von Orchester- und Chorwerken, die kürzlich auch in namhaften Verlagshäusern erschienen sind. «Wir sind also nicht die Einzigen, die diesen Wind spüren und neue Wege beschreiten.»

Auch die Sängerinnen und Sänger sehen sich mit einer neuen Situation konfrontiert. «Wir kennen die orchestrale Version der Werke. Deren Arrangements klingen jedoch anders und müssen anders gesungen werden.» sagt Jérôme Jacky, Tenorsänger im Kammerchor. 

«Spannend ist für uns, dass wir die bekannten Stücke neu singen, neu hören und interpretieren müssen – eine kammermusikalische Herausforderung». Im Zyklus Neu Gehört wird der Kammerchor in nächster Zeit noch weitere arrangierte Werke aufführen.

Botti: «Es geht mir bei ‹Neu Gehört› nicht darum, Dinge infrage zu stellen oder über besser oder schlechter zu diskutieren. Vielmehr möchte ich die Musik in anderem Gewand zeigen und in einer ungewohnten Klangwelt vermeintlich Bekanntes neu entdecken.»

Luzerner Zeitung, 4. November 2013, Pirmin Bossart:
Jazzrequiem subtil und machtvoll

Steve Gray (1944-2008) war schwer erkrankt, als er vor über zehn Jahren sein «Requiem für Chor und Big Band» schrieb. Entstanden «im Schatten des Todes», berührt das Werk umso tiefer. In Baden und Luzern hat es jetzt eine gehaltvolle Schweizer Erstaufführung erlebt. Als der letzte Klang des «Agnus Die» am Samstagabend in der Lukaskirche verebbte, begann ein minutenlanger Applaus mit Standing Ovations. Klassisch geschulten Ohren mögen die Harmonien und Rhythmen zeitweise ungewohnt erschienen sein. Dennoch ist das Requiem weit davon entfernt, jazzig lustvoll auszufransen oder zeitgenössisch zu provozieren. Es ist eine gut verträgliche, dennoch spannende Mischung aus klassischer Totenmesse und jazznahen Umgangsformen mit dem Material. «Verjazzte» Messen sind in der Regel eher schrecklich. Dieses Requiem hat ein anderes Gepräge.
Der englische Komponist hat das Werk für die renommierte NDR Big Band geschrieben, mit der er vierzehn Jahre zusammenarbeitete. Bei der Schweizer Version trat das bekannte Lucerne Jazz-Orchestra LJO-(Leitung David Grottschreiber) als Big Band auf, während der Chor Coro Sonoro und der Kammerchor Baden den machtvollen Stimmkörper bildeten. Das Konzert mit gut hundert Ausführenden wurde von Renato Botti geleitet.

Wie ein Orkan

Schon in den ersten Minuten erfasste ein Aufbäumen das Ensemble, bevor es in ruhigem Puls weiterging. Die Tutti-Stellen in der zweiten Sequenz mit dem Dies Irae und Rex Tremendae wogten markerschütternd wie ein Orkan hoch. Umso feierlicher und von satten Bassstimmen grundiert erstand «Recordare Jesu Piu». «Lacrymosa» und «Pie Jesu» klangen auch schon mal wie eine alte Filmromanze, mit einem subtil sich steigernden Solisten (Matthias Spillmann, Flügelhorn).

Glanzvoll zum Tragen kam die Qualität der hervorragend artikulierenden Chorstimmen in den einleitenden Passagen von «Domine Jesu Christe». Das Klavier leitete zum «Sanctus» über, das jazzmusikalisch gesehen der reichste Satz war, mit aufwühlenden Harmonien, präziser Energie, guten Chor/Big-Band-Kombinationen und dem tadellosen Solisten Aurel Nowak (Trompete), der praktisch ausschliesslich in hohen Registern spielte und mit seinen grellen Linien über das getragene Lobpreisen des Chors glitt. Auf das Nötigste heruntergefahren und mit einer repetitiven Klavierfigur erhellt ergriff einen schliesslich das «Agnus Dei», mit dem das Werk in subtiler Gelassenheit verglimmte.

L'Alsace, 31. Oktober 2012, Roger Struss:
Visite de choristes suisse

La collégiale Saint-Martin accueillait dimanche le choeur de chambre de Baden en Suisse venu interpréter quelques cantiques à la satisfaction des fidèles présents. En visite touristique dans la région, la chorale de Baden, ville située à 20 km de Zürich dans le canton de l'Aargau, a visité Kaysersberg et Zellenberg, où les choristes ont été reçus par la Maison Becker pour une dégustation commentée. Sur le chemin du retour en Suisse, la chorale s'est arrêtée à l'abbaye de Murbach dans le Florival.

Aargauer Zeitung, 24. September 2012, Matthias Steimer:
Musikalisch in den Himmel und zurück

Der Kammerchor Baden führte zu seinem «Sechzigsten» verschiedene Ave-Maria-Vertonungen und die «Chichester Psalms» auf.
Wenn es einem Chor gelingt, grandiose Musik so innig zu vermitteln, dass das Publikum eine fast schon transzendente Reise tut, dann: Chapeau.
«Himmlische Verführungen» lautete der passende Titel des Konzerts, das der Kammerchor am Wochenende in der reformierten Kirche Baden aufführte. Es war das Konzert zum 60-jährigen Bestehen des Chores (az 21. September).

Dramaturgisch durchdacht

Zahlreiche Komponisten haben das Gebet Ave Maria vertont. Der Kammerchor Baden gab bei abwechslungsreicher Dramaturgie einige Highlights des 19. und 20. Jahrhunderts zum Besten. Bei Liszt stellte sich der Chor seitlich in der Kirche auf, bei Fauré sangen allein die Frauen. Ausser Rossinis und Rachmaninows A-cappella-Vertonungen waren alle begleitet von der Harfenistin Carina Walter. Sie setzte sich mit einem anmutigen Spiel überdies solistisch in Szene. Am besten gefiel das Ave Maria von Rachmaninow. Simpel ausgedrückt: ein wunderschönes Stück. Anfangs ruhig, dann ekstatisch, um wieder in die Stille zu finden, lebt es nebst wohligen Harmonien von einer dramatischen Dynamik, welcher der Chor unter Renato Bottis Dirigat souverän folgte.

Unfassbare Komposition

Dem Himmel ganz nah kam der Chor mit Whitacres «Sleep». Was sich in dieser Komposition über fünf Minuten hinweg musikalisch aufbaut und gleichsam orgiastisch entlädt, ist kaum in Worte zu fassen, berührte aber zutiefst, liess einem geistig reisen. Man darf dem Komponisten eigentlich nur Danke sagen. Danke vor allem auch dem Chor, der über einem auffällig soliden Bassfundament eine aufnahmereife Interpretation dieses Meisterwerkes zeigte.

Schlag ins Gesicht

Der Kammerchor Baden brachte auch die in mancher Hinsicht anspruchsvollen «Chichester Psalms» von Bernstein achtbar über die Bühne. Hebräisch und atonal, es klappte, wohl dank ausdauernder Probearbeit. Orgel: Verena Friedrich; Pauke: Reto Baumann. Ein Schlag ins Gesicht war das Werk dennoch, holte es doch gleich mal mit wahnsinniger Jahrmarktmusik manch einen abgedrifteten Zuhörer unverhofft auf den Boden der Realität zurück. Notabene mit den Worten: «Wach auf!». Schade eigentlich, aber es hat sich gelohnt, für das stilistisch vielseitige Werk wieder zu sich zu kommen. Respekt auch dem Knabenalt, welcher die Soli vortrug - leider blieb er anonym.

Aargauer Zeitung, 21. September 2012, Tom Hellat:
Profis können nicht alles besser als Laien

«Verstaubt», lautet ein Verdikt, das gelegentlich über Laienchöre gefällt wird, ein paar plumpe Auslassungen über das geriatrische Publikum inklusive. Doch der Kammerchor Baden ist damit sicherlich nicht gemeint. Auch nach 60 Jahren ist der nämlich «topfit», wie sein junger Dirigent Renato Botti sagt. Ein Laienchor, der zu seinem Jubiläum schwierige, zeitgenössische Werke von Leonard Bernstein oder Eric Whitacre aufführt und beim KulTour-Fest in Baden in einem Möbelhaus verschiedene Etagen besingt, während der Besucher sich auf Designer-Liegen setzen kann, ist alles andere als altbacken. Das ist genau das Bild, das Botti von seinem Chor vermitteln möchte. «Viele Chöre hier in der Gegend sind sehr gut, machen aber oft das Gleiche.» Botti schwimmt mit seinen Konzertprogrammen nicht im Mainstream. Das alljährliche Weihnachtsoratorium in der Adventszeit spukt ihm sicher nicht durch den Kopf. Botti knüpft lieber an das Gedankengut Ernst Schaerers an, des Gründers des Badener Kammerchors: «Er wollte die Qualität der Chorkonzerte heben und sie als wichtige Beiträge zum kulturellen Leben hier in der Region verankern. Diese Tradition möchte ich fortführen.»

Leidenschaft ist das Wichtigste

Natürlich sei das schwierig, weil sich insgesamt die Situation für Chöre in den letzten zwanzig Jahren stark gewandelt habe. Inzwischen gibt es vielerorts professionelle Konzertchöre, und auch auf Hochglanz getrimmte CDs vermitteln ein Klangbild, das für einen Laienchor schwer zu erreichen ist. «Wir wollen uns nicht mit Profis vergleichen, das wäre vermessen. Aber unsere Arbeit ist von hoher Qualität.» Was auch Bottis Gespür für die Möglichkeiten eines Chores und seiner harmonischen Kreativität zu verdanken ist. Botti ist keineswegs der Meinung, dass «Profis alles besser können als Laien. Natürlich haben sie ausgebildete, klingende Stimmen; aber wir haben dafür Zeit.» Zeit, eine Komposition im Detail zu erarbeiten, an einer Stelle zu schleifen und zu diskutieren. Ein Profi-Ensemble kann das in den üblichen drei bis vier Proben nicht. Überhaupt sei «das Wichtigste in der Musik die Leidenschaft». Ein paar Kiekser oder verfrühte Einsätze fallen nicht ins Gewicht, wenn die Musik lebt und erlebt wird. Der Anfang der «Chichester Psalms» von Bernstein etwa (ein Werk, das der Kammerchor nun im dritten Jubiläumskonzert aufführt; gemeinsam mit der Harfenistin Carina Walter, Verena Friedrich an der Orgel und dem Perkussionisten Reto Baumann) klingt schräg und ist schwierig zu singen. Laut Botti «Knochenarbeit». Aber nach langem Proben ist da «Fleisch» dran und die lauten Klangsäulen gelingen mit einer Intensität, in der die Begeisterung der Sängerinnen und Sänger in jeder Stimmfaser zu spüren ist. «Wenn in der Musik der Mensch zum Vorschein kommt, seine Leidenschaft und sein Engagement, ist das für mich das Schönste überhaupt», sagt Botti. Diese ehrliche Begeisterung – sie macht den Kammerchor Baden schon seit 60 Jahren immer wieder zu einem Erlebnis.

Aargauer Zeitung, 27. September 2011, Matthias Steimer:
Klassische Musik bis in die Spitzen

Wenn zwei gestandene Chöre der wichtigsten Städte des Kantons zusammen auftreten, sind die Erwartungen hoch. Erst recht, wenn das Symphonische Orchester Zürich und namhafte Solisten mit von der Partie sind. Fazit am Sonntagabend: An das eindrückliche Bild und den homogenen Klang des 100-köpfigen Chors könnte sich der Zuhörer gewöhnen.

Register erleben Sternstunden

Das Konzert eröffnete das Symphonische Orchester Zürich mit dem «Preludio a Orchestra» von Giacomo Puccini – ein tadelloses Spiel unter der Leitung von Rainer Held, Dirigent des Kammerchors Aarau. Auf das «Miserere» von Gaetano Donizetti folgte sogleich der Konzerthöhepunkt: «Ave Maria», das a cappella vorgetragen wurde. Zentral in diesem Spätwerk Guiseppe Verdis ist das chormatische Motiv, das im transparenten Chorgesang der Aarauer und Badener immer wieder in Erscheinung trat. Nicht allein deshalb erlebten die einzelnen Register Sternstunden: Über dem Tongerüst erstrahlte der Sopran in göttlicher Reinheit – Mutter Maria schien schon nah, als gegen Ende des Stücks der Bass zusehends an Gewicht gewann.

Chöre bieten Höchstleistung

Dirigentenwechsel: Renato Botti, Leiter des Kammerchors Baden, übernahm den Stab. Während man bei Verdi den Opernkomponisten nur erahnen konnte, war er bei Puccini sehr präsent. Sowohl in seiner «Motette per San Paolino» wie auch in der «Messa di Gloria»: exaltierte Klangwuchten, Kitsch, hinwiederum schöne, bedachte Partien. Hierfür bestens ausgewählt waren die Solisten René Perler (Bariton) und Karl Jerolitsch (Tenor). Besonders erstaunte René Perlers gewaltiger Stimmumfang, den er mit dieser Literatur weitgehend ausweisen konnte. «Gloria» hat man noch selten auf so viele verschiedene Arten gehört wie in der Puccini-Messe. Der Chor vermochte die diversen Stimmungen mit viel Ausdruck zu transportieren und überzeugte durch saubere Intonation, rhythmische Exaktheit und vorbildliche Diktion – eine Höchstleistung für zwei Laienchöre.

Chöre bieten Höchstleistung

Die beiden Chöre konzertierten zum dritten Mal zusammen. Renato Botti zeigt sich erfreut über diese Zusammenarbeit mit Rainer Held: «Musikalische Diskussionen sind bei uns keine Knackpunkte, sondern gegenseitige Bereicherung.» Auch bei den Sängern trage die Kooperation Früchte: «Die entstandenen Freundschaften wirken sich bis in die Spitzen des musikalischen Ausdrucks aus», so Botti.

Aargauer Zeitung, 23. September 2011, Franziska Frey:
Aus klein mach gross

Die Kammerchöre Aarau und Baden bringen ein vollmundiges Programm zur Aufführung.

Manchmal genügt ihnen das Motto klein, aber fein nicht. Dann haben die Kammerchöre Aarau und Baden Lust auf etwas Grösseres – und schliessen sich kurzerhand zusammen. So auch in diesem Jahr. Es ist bereits die dritte Zusammenarbeit der Chöre und ihrer Dirigenten Rainer Held (Aarau) und Renato Botti (Baden). Das Resultat ist ein gegen 100 Sängerinnen und Sänger starker Chor. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, auch grössere Werke aufzuführen und dabei in den Genuss eines umfangreichen Orchester zu kommen. Kurzum: Mit der Idee, ab und an die Ressourcen zu teilen, ist musikalische Abwechslung garantiert. Die beiden Dirigenten Held und Botti werden beide am Pult stehen, der eine übernimmt die erste, der andere die zweite Konzerthälfte. Doch einstudieren müssen sie jeweils alle Werke. Verderben da zu viele Köche nicht den Brei? Diese Gefahr besteht in diesem Fall keineswegs. Zum einen gestaltet sich die Zusammenarbeit äusserst kollegial, wendet Rainer Held ein, zum anderen ergeben sich viele Vorteile. Denn durch die Arbeit mit verschiedenen Dirigenten und ihren unterschiedlichen Leitungsstilen werden die Chöre jeweils erheblich flexibler und können, wie Held beschreibt, viel besser situativ reagieren. Das führt im besten Fall dazu, dass es ziemlich unwichtig wird, wer vorne steht, wie Held anführt.

Hohe Anforderungen

Rainer Held gewährt einen Blick in die Werkstatt: Zuerst übt jeder Chor die Werke mit seinem Dirigenten ein. In dieser Phase sprechen sich beide Leiter ab; welches Tempo wird an welcher Stelle gewählt? Solche und ähnliche Fragen stellen sich zwar, sind jedoch gar nicht so zahlreich, wie angenommen werden könnte. Der Notentext ist ja vorgegeben, meint Held pragmatisch, wichtig ist jedoch, die zwei Interpretationen früh zusammenzuführen. So bleibt den beiden Klangkörpern genügend Zeit, sich aufeinander einzustimmen. Dennoch bedeuten die verschiedenen Dirigenten, der Wechsel von einem kleinen in ein grosses Ensemble nicht zuletzt die anspruchsvollen Werke hohe Anforderungen, gerade für Laienformationen. Aber es bedeutet keine Überforderung. Gut Musik zu machen, ist keine Frage der Professionalität, sondern eine der Musikalität!, ist Helds Einstellung.

Aargauer Zeitung, 30. November 2010, Elisabeth Feller:
Diese Aufführung kennt nur eines - Licht

Der Kammerchor Baden geniesst einen exzellenten Ruf. Diesen untermauerte er mit einem erlesenen Programm in der reformierten Kirche.

Die Geigen-Kantilene ist so beschaffen, dass man sich darin wohlig einnisten will. Doch das wäre nicht im Sinne von Renato Botti. Der junge, ambitionierte Dirigent des Kammerchors Baden weiss, dass er sein Publikum zu Beginn mit einem Ohrwurm abholen muss. Aber danach lockt er es – mit sanftem Nachdruck – auf unbekannteres Terrain. Diesmal stellt Botti ein Programm mit Werken französischer Komponisten wie Gabriel Fauré, Maurice Duruflé, Francis Poulenc und Camille Saint-Saëns vor. Wie beziehungsreich die Komponisten verknüpft sind, wird am Ende, bei Saint-Saëns Oratorio de Noël, ohrfällig. Denn da spielt die Harfe eine tragende Rolle – und eine solche hat sie eingangs bereits in Faurés «Cantique de Jean Racine» eingenommen. Dass dieses Werk von Saint-Saëns inspiriert ist, verwundert am Ende niemanden. Rückgriffe (wie Duruflés Motetten nach gregorianischen Themen) gehören ebenso zum Programm wie gemässigte Zeitgenossenschaft in Poulencs Weihnachts-Motetten. Die Unterschiede zwischen den einzelnen «Tonsprachen» erscheinen nie krass, sondern fein – was die Vorstellung von französischer Eleganz und Noblesse nährt. Dramaturgisch ist Bottis Programm klug aufgebaut: Dem süffigen Orchesterauftakt folgen heikle, aber gut gemeisterte A-cappella-Werke – bis am Ende Saint-Saëns Oratorium alle Interpreten einbindet: den Kammerchor, die Organistin Verena Friedrich, das Orchester professioneller unabhängiger Sinfoniker, die vorzüglichen Solisten Maria C. Schmid, Johanna Kühnis, Nicole M. Wehrli, Simon Witzig und Erich Bieri.

Doch noch die Pranke

Nicht der üppige Faltenwurf seiner Orgelsinfonie betört in Saint-Saëns Oratorio de Noël, sondern eine lyrische Grundhaltung, an der die Harfe (Carina Walter) grössten Anteil hat. Aber dann zeigt der Komponist doch noch seine Pranke: ein jäher, dramatischer Einwurf des Chors – und man ist baff, wie sehr Saint-Saëns dem Gesetz von Spannung und Entspannung Rechnung trägt. Interpretiert wird all dies auf packendem Niveau. Das Klangbild des Kammerchors ist durchsichtig; die Balance zwischen den einzelnen Stimmen schön austariert; die Textverständlichkeit so, dass man ihr die akribische Probenarbeit anhört. Solches inspiriert allenthalben. Verena Friedrich lässt die Orgelpfeifen mitunter so silbern wie Flötenstimmen klingen und belegt damit, was eine Registrierung vermag: eine Aufführung mit Akzenten wunderbar zu beleben.

Aargauer Zeitung, 24. März 2010, Tom Hellat:
Der Kammerchor in himmlischen Sphären

In Baden das Requiem von Johannes Brahms aufgeführt

Brahms' Requiem ist eigentlich gar keines. Da gibt es keine ewige Klage um den Verlust eines geliebten Menschen. Keine «Dies Irae» donnernde Schreckensvision des Jüngsten Tages. Und allem voran: Das Versprechen nach Erlösung durch die Leiden und die Auferstehung Christi fehlt. Im Mittelpunkt stehen allein Trauer, Trost und Hoffnung auf ein erfülltes Leben nach dem Tod. Das konnte wirklich nur einem Komponisten so gelingen, der sein Heil eher nicht im christlichen Evangelium, sondern in der Kunst selbst suchte. Bezeichnenderweise wollte Brahms sein Werk am liebsten «Ein menschliches Requiem» nennen. Der Badener Kammerchor unter der Leitung von Renato Botti traf diesen menschlichen Ton. Der Dirigent wählte durchwegs recht gemessene Tempi, was ihm und seinem Ensemble die Zeit und den Atem gab, die verschiedenen von Brahms musikalisch gezeichneten Emotionen des trauernden Menschen einzufangen. Gerade im zentralen Satz, dem vierten, gelang es ihm, eine idyllische Stimmung zu erzeugen, zu der der Chor fast schon serenadenhafte Klangfarben beisteuerte. Da klang die Sehnsucht des Ensembles durch, sich schon im Diesseits auf einer himmlichen Wolke einzurichten.

Vierhändiges Klavierspiel

Solche Sphären brauchen natürlich auch einen irdischen Boden. Diesmal nicht in Form eines grossen Orchesterapparats, sondern durch die kleinen Hämmerchen des Klaviers. Brahms hatte nämlich auch eine vierhändige Piano-Version des Orchestersatzes angefertigt. Zwar nicht ganz ohne Murren, aber schliesslich doch zu seiner persönlichen Genugtuung. Yvonne Lang und Marc Hunziker gestalteten diesen Klavierpart liebevoll und kompetent. Das war ruhig musiziert, aber nicht spannungslos – unaufgeregt, aber nicht statisch. Und man spürte: Das ist nicht einfach eine Not- oder Billiglösung für das Musizieren des grossen Werks in kleinerem Kreis; hier präsentiert sich vielmehr ein höchst geglücktes Ergebnis einer individuellen Fassung.

Unterschiedlich starke Solisten

Und die Solisten? Sopranistin Marion Ammann bewältigte ihre Partie mit engelhaftem Timbre. Aber hinsichtlich der erforderlichen Kraft des Stimmmaterials blieb sie doch eher an der unteren Grenze; vielleicht war ihre Stimme etwas zu mädchenhaft, um mit den grossen Bägen den schwierigen Soli Leben einzuhauchen. Der Bass René Koch war da im männlichen Vorteil. Er schöpfte aus dem Vollen. Und man spürte deutlich (wie in der ganzen Aufführung überhaupt!), dass das Stück eher für die Lebenden denn für die Toten geschrieben wurde.

Aargauer Zeitung, 29. April 2008, Elisabeth Feller:
Herzbewegend

Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts: Der Kammerchor konzertiert in der Stadtkirche.

«Wer hat Angst vor moderner Musik?» Dieses Theaterstück ist nicht geschrieben worden. Und wird es hoffentlich nie. Nicht nach einem Konzert, das der Kammerchor Baden mit «Schweizer Komponisten des 20. Jahrhunderts» betitelt hat. Die schlichte Bezeichnung lässt vorerst kaum auf das inhaltlich Weitgespannte und Vieldeutige schliessen. Beim Hören manifestiert sich dafür umso markanter die sinnstiftende Werkwahl des Dirigenten Renato Botti. Er kombiniert Weltliches (Lieder von Othmar Schoeck und Heinz Holliger sowie Klavierstücke von Arthur Honegger) mit Geistlichem (Chorwerke von Caspar Diethelm und Frank Martin).

Holliger, der Liedkomponist

Als klug erweist sich Bottis Entscheid, nicht allein den Chor das ambitiöse Konzert bestreiten zu lassen. Die Sopranistin Silvia Nopper und die Pianistin Rahel Sohn Achermann nehmen sich zwischen den Chor-Eckpfeilern Liedern von Schoeck (zu Texten von u. a. Mörike, Claudius) und Holliger (Morgenstern) an. Überraschend ist, wie Holliger Schoecks Verinnerlichung aufgreift, um sie dann sanft in eine neuere Tonsprache zu überführen.
Bei beiden Komponisten bildet das Klavier das leichte Gerüst zur Singstimme. Silvia Nopper trifft den Charakter dieser Lieder mit delikater Phrasierung so, dass sich ihr meditativer Charakter berührend entfaltet. Welch ein Kontrast zu den beiden Diethelm-Uraufführungen «Das Licht» und «Schweigen». Diethelms Tonsprache oszilliert zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, die mit dissonant Erscheinendem auf die Zwölftonmusik verweist. Welche Tiefe eignet dieser Musik, zumal wenn sie vom Kammerchor an die Grenze zum Verstummen geführt wird! Die Stimmen-Balance ist dabei ebenso eindrücklich wie die selbst im Pianissimo noch erkennbare, fantastische Diktion. Zum Schluss Frank Martins Messe für Doppelchor. Archaische Wucht paart sich mit einer Schlichtheit, die von Martins Spiritualität spricht: In der Gestaltung des Kammerchors wird sie zum herzbewegenden Ereignis.

Aargauer Zeitung, 20. August 2007, Elisabeth Feller:
Operamor – con sentimento

Orchestergesellschaft und Kammerchor Baden spannten zusammen für ihr Konzert im Zelt – ein Highlight.

Wum, Wum, Wum dröhnt ein Bass von hinten, dabei spielen sie vorne auf der Bühne doch feingesponnene Musik. Aber so ist das bei der Badenfahrt: Konträrste «Soundteppiche» überlagern sich. Wie gut, dass sich im – es sei nicht oft genug betont – wunderschönen Zelt von «glamor» beim Kurtheater weder der Kammerchor noch die Orchestergesellschaft Baden davon beirren liessen. Und das Publikum (es waren Hunderte!) erst recht nicht.

Knacknussprogramm

Es bekam unterm Titel «Operamor» eine Delikatesse serviert: Kammerchor (Dirigent: Renato Botti) und Orchestergesellschaft (Dirigentin: Felicitas Gadient) hatten zusammengespannt für ein Ohrwurm-Programm mit Arien (vorgetragen von Brigitte Schweizer und Roger Widmer), Chorszenen und Orchestervorspielen von Bizet («Carmen»), Mascagni («Cavalleria Rusticana»), Verdi («La Traviata») sowie Johann Strauss («Eine Nacht in Venedig»). Das ist selbst für hochkarätige Laienensembles wie diese beiden ein Knacknussprogramm. Denn Schlagkraft und Federleichtigkeit sind gleichermassen gefordert. Doch die Beteiligten meisterten ihre Aufgabe souverän, denn sie wussten, was con sentimento heisst: mit Empfindung.

Aargauer Zeitung, 20. März 2007, Walter Labhart:
Einblick in Reifeprozesse

Das Aargauer Symphonie-Orchester (ASO) mit Chor- und Orchestermusik von Brahms und Dvorák.

Unter dem Motto «Eine musikalische Freundschaft» vereinigt der vierte Konzertzyklus des Aargauer Symphonie-Orchesters (ASO) vokale und orchestrale Werke der miteinander befreundeten Komponisten Johannes Brahms und Antonín Dvorák. Das Programm verzichtet auf den musikalischen Freundschaftsbeweis Nummer 1, auf Dvoráks Orchestration der vierhändigen Ungarischen Tänze 17 bis 21 von Brahms. In Ermangelung grösserer Kompositionen, die ein gemeinsames Zusammenwirken bezeugen könnten, erklangen lauter Werke ohne hörbare Spuren jener «musikalischen Freundschaft». Das war nicht zu bedauern, gab es doch beliebte Repertoirewerke zu geniessen und eine Rarität zu entdecken, die Einblick in Dvo?áks Reifeprozess gewährte.

DIE BEGEGNUNG mit dem Hymnus «Die Erben des Weissen Berges» op. 30 ist dem mit tschechischer Musik besonders vertrauten Dirigenten Douglas Bostock und zwei aargauischen Chören zu verdanken, die für diesen Anlass engagiert wurden. Von ihren Leitern Rainer Held und Renato Botti sorgfältig eingearbeitet, bereicherten der Kammerchor Aarau und der Kammerchor Baden das ASO-Konzert in der Aarauer Stadtkirche um eine klangliche Dimension von beträchtlichem Ausmass. Gegen 100 Stimmen verliehen Dvo?áks patriotischer Kantate emotionales Gewicht. Der Text erinnert an den Befreiungskampf der Tschechen im 19. Jahrhundert und an die Schlacht auf dem Weissen Berg bei Prag (1620). Die der «Neudeutschen Schule» entlehnten musikalischen Mittel sind allerdings vom nationalromantischen Grundton etwa der von Brahms bewunderten «Klänge aus Mähren» (Duette) noch weit entfernt. Das Ringen um ein «einziges Vaterland», wie es in der strahlenden C-Dur-Apotheose besungen wird, brachten Chor und Orchester nach steter Steigerung plastisch zum Ausdruck. Den Biblischen Liedern widmete sich der Bassbariton Rene Koch mit einer Inbrunst, die ihn öfter zu üppigem Vibrato verleitete. Den TextgehaIt der Psalmen schöpfte er aber ebenso gründlich wie das subtil-nachdrücklich begleitende ASO aus. Die Schiller-Vertonung «Nänie» für Chor und Orchester von Brahms beeindruckte durch ihre klar herausgearbeitete Luzidität des Ausdrucks. In den populären Variationen über ein Thema von Haydn erzielte das von Bostock mit diskreter Zeichengebung souverän geführte ASO eine Glanzleistung, die in effektvollen Kontrastwirkungen und in brillanten Streicherläufen gipfelte.

Aargauer Zeitung, 5. Dezember 2006, Daniel Polentarutti:
Frisch und kraftvoll

1. Adventskonzert – Der Kammerchor Baden sang tschechische Vokalmusik.

Dirigent Marioa Botti geht temperamentvoll an die Partitur heran. Er lässt die Messe frisch und kraftvoll erklingen, arbeitet Strukturen fein heraus und dosiert geschickt die stimmlichen Kapazitäten seiner Sänger. Der Klang ist über weite Strecken transparent und ausgeglichen; in wuchtigen Fortepassagen beeindruckt der Chor mit strahlender Leuchtkraft leisere Stellen bereiten aber Mühe; der Klang wirkt dünn, die Intonation leidet, einzelne Stimmen treten über Gebühr hervor. Botti lässt die Soli von kleinen Chorgrüppchen singen – eine mutige, jedoch nicht ganz unproblematische Entscheidung. Immer wieder kommt es zu kleineren Unsicherheiten. Der polnische Maler Josef Mecin-Krzesz schuf den Zyklus «Vater unser». Leos Janácek komponierte 1901, von fünf Bildern dieses Zyklus inspiriert, sein gleichnamiges Werk. Mecin-Krzesz' Gemälde sind thematisch düster: Sie zeigen etwa eine Familie bei ihrem verstorbenen Kind, eine Gewitterszene oder einen Häftling. Dementsprechend klingt auch Janáceks Musik dunkel, wehmütig, aufwühlend. Dem Chor gelingt eine eindrückliche, intensive Darstellung dieses Gebets. Begleitet wird das Werk lediglich von Orgel (Marlène Flammer) und Harfe (Eliane Koradi-Zweifel). Die Kombination dieser Instrumente ist überaus reizvoll. Tenor Tino Brütsch setzt bei Janácek vokale Glanzlichter, einzig in der Höhe wirkt einiges etwas unflexibel und statisch. Der Dritte im tschechischen Bunde ist Bohuslav Martinu. Auch er schöpft in seinen «Liedern über Maria» aus dem musikalischen Erbe seiner böhmischen Heimat, allerdings ohne «heimeliges» Pathos. Seine A-cappella-Lieder sind von erfrischender Schlichtheit. Der Kammerchor Baden singt die beiden Martinu-Lieder mit erstaunlicher Leichtigkeit, sauber und klar auch in virtuosen Passagen. Eine stimmige Interpretation!

Aargauer Zeitung, 26. Oktober 2005, Elisabeth Feller:
Mit Nordländern zur «stillen Einkehr» in die Kirche

Er ist ein Vollblutmusiker. Dazu ein Sympathieträger, wie ihn sich Werber erträumen. Tatsächlich wirbt Renato Botti. Aber nicht für sich, sondern für Komponisten, denen er sein erstes Konzert mit dem Kammerchor Baden widmet: Vasks, Sibelius, Grieg und Pärt.

Selbst wer keine Ahnung hat, wie der 31-jährige aussieht, steuert automatisch auf den Lockenkopf zu. Ist ers? Ja es ist Renato Botti. Nicht Mario Botta wohlverstanden, obgleich der Musiker Botti mit dem Architekten Botta eines teilt, den Wuschelkopf. Renato Botti ist aufgeräumter Stimmung. Das hebt ihn wohltuend ab von seinen Mitmenschen im Café, die zu früher Morgenstunde stumm und ernst die Zeitungsspalten durchforsten. Anders Renato Botti: Der Kirchenmusiker fiebert seinem ersten Konzert mit dem Kammerchor Baden entgegen, dem er seit Februar dieses Jahres vorsteht. Der Nachfolger von Ruth Soland weiss die Ehre nach wie vor zu schätzen. Dass es nach Solands fulminantem Abschiedskonzert mit Rossinis «Petite Messe Solennelle» unter dem neuen Dirigenten eine Neuausrichtung für den Chor geben würde, war klar. Nichts verwiese trefflicher darauf, als das nun anstehende erste, unter dem Titel «Dona nobis pacem» stehende Konzert in der Stadtkirche. Keine Spur von dem, was in der Kategorie des gängigen Repertoires einzuordnen ist, aber: «Warten Sie ab, das kommt noch», sagt Botti. Das Jahr 2006 steht ja bekanntlich im Zeichen Mozarts. «Deshalb werden auch wir» – Bottis Lachen wirkt ansteckend – «sein Requiem aufführen.» Vorerst aber geht das erste Konzert über die Bühne mit einem Programm voller Surprisen.

«Grosse und langsame Schritte»

Den beiden skandinavischen Komponisten Jean Sibelius und Edvard Grieg stehen der Lette Peteris Vasks und der Este Arvo Pärt gegenüber. Fungiert das Duo Sibelius/Grieg als Insel, wo man sich zu Hause fühlt, da die Klangsprache vertraut anmutet, ist das Gespann Vasks/Pärt als zu entdeckendes Eiland gesetzt. Dass Botti und der derzeit 30-köpfige Kammerchor Baden das Konzert mit Peteris Vasks «Dona nobis pacem» für Chor und Orgel eröffnen, entspringt kluger Dramaturgie. Für Botti entwickelt der lettische Komponist nämlich «eine unglaubliche Kraft in einer Musik der grossen und langsamen Schritte». Das «‹Dona nobis pacem›», unterstreicht Botti, «kennen alle Komponisten. Aber bei Vasks klingt die Tonsprache derart anders.» Botti charakterisiert sie mit «ehrlich und nie hochmütig». Das, hält der junge Musiker fest, zeichne auch Arvo Pärt aus. Ihn hat Botti im Gespräch über dessen «Berliner Messe» und das «Da pacem Domine» als einen «unglaublich offenen, tief religiösen und spirituellen Menschen» kennen gelernt. Dass es für den Chor nicht einfach ist, sich auf die skandinavisch-baltische Musik einzulassen, leuchtet ein, ist hierfür doch eine andere Stimmtechnik nötig. Fraglos fordere dieser Umstand das hohe Mass an Eigenverantwortlichkeit, betont der Dirigent. Allein, mögen die Proben seit Februar auch noch so «nahrhaft» gewesen sein – Renato Botti glaubt an die Strahlkraft gerade dieser Musik, zumal in einem sakralen Raum, wo «stille Einkehr» noch immer hochgehalten wird.

Aargauer Zeitung, 7. Juli 2005, Jürg Haller:
«Schönste Berufung ist die Musik»

Dem Interviewer sitzt ein Sonnyboy mit Lockenkopf und einem gewinnenden Lächeln gegenüber, ein Musiker, der offen für alles Neue ist, spontan reagiert und in der Region Baden-Wettingen als Dirigent neue Herausforderungen sucht: Renato Botti, vor 31 Jahren in Berikon geboren.

Seine bemerkenswerte Laufbahn ist einerseits geprägt durch gezielte Kontinuität in der Ausbildung, andererseits, so Bottis Aussage, hätten ihn «Zu- und Glücksfälle» weitergeführt. «Ich wusste bezeichnenderweise lange nicht, welchen Beruf ich wählen sollte, Lehrer oder Musiker», erzählte der Sohn eines eingewanderten und längst eingebürgerten Bergamasken. Nach der Maturität an der Kantonsschule Wettingen stand die Ausbildung zum Primar- und Reallehrer im Vordergrund. «Lehrer – schön und recht – aber ist das mein Beruf?», zweifelte Botti. Denn schon früh zeigte er zunehmendes Interesse an der Musik. Zwar beschränkte sich diese zuerst auf den Gesang in der Familie und auf den Blockflötenunterricht.

Ein erstes Schlüsselerlebnis hatte der Schüler Renato in der Kirche von Berikon. Der damalige Leiter des Kirchenchors, der Wiener Willi Trapp, dirigierte das «Credo» aus einer Bläser-Messe. Botti erinnert sich: «Ich bewunderte ihn als Dirigenten und Organisten. Damals gewann ich die Erkenntnis: Ich muss Musik machen.» Als Kantonsschüler packte ihn die Chordirigentin Ruth Fischer mit ihrer Begeisterungsfähigkeit. Die Kirche von Berikon wurde rasch zu einem wichtigen Tätigkeitsfeld für Renato: Mit 14 Jahren sass er erstmals aktiv auf der Orgelbank. Er ist bis heute seiner ersten Wirkungsstätte treu geblieben. Den einheimischen Kirchenchor durfte er mit 15 Jahren erstmals stellvertretend dirigieren. Mit 17 Jahren übernahm Botti den Kirchenchor Oberwil-Lieli, den er fast acht Jahre leitete.

Etliche Jahre später machte Botti ernst mit der Musik. An der Musikhochschule Luzern erlangte er 2002 das Diplom Kirchenmusik Hochschulstufe mit Hauptfach Orgel, ein Jahr darauf schloss er den Studiengang Schulmusik II (Hauptfach Chorleitung) erfolgreich ab. Kürzlich beendete Botti an der Musikhochschule Zürich seine Ausbildung in Orchesterleitung bei Johannes Schläfli. Doch nicht genug damit: Er lässt seinen Bariton bei der Sängerin Ulrike Andersen zum Sologesang ausbilden.

Markenzeichen Vielseitigkeit

Hauptamtlich gibt Botti sein Fachwissen als Schulmusiker und Lehrer für Projektunterricht in einem halben Pensum an der Kanti Wettingen weiter, «eine spannende Arbeit». Vorher hatte er zwei Jahre lang an der HPL Zofingen in Fachdidaktik unterrichtet.

Eine wesentliche Rolle spielt bei Botti die Leitung von Chören. Da findet er dank seiner offenen, gewinnenden Art rasch den Kontakt mit den Sängerinnen und Sängern. In der Saison 2003 machte er einen Abstecher an die Operettenbühne Möriken, wo er «Eine Nacht in Venedig» dirigierte. Ebenfalls in den Unterhaltungssektor gehört die Leitung des Luzerner Männer-Vokalensembles «Ostinato». Die A-capella-Formation beherrscht ein vielseitiges Repertoire: Evergreens, Schlager, Pop, aber auch Rossinis «Wilhelm Tell»-Ouvertüre. Nächstes Jahr debütiert das Ensemble mit einem abendfüllenden Programm in einem Kleintheater. Botti schreibt die Arrangements und erarbeitet die Songs. Seit fünf Jahren dirigiert Botti den Wohler Chor Quersang, der neben Pop und Jazz auch Klassik im Programm hat. Der junge Chor glänzte kürzlich mit einem attraktiven Auftritt.

Anspruchsvolles Programm

In die «Nationalliga» des Chorgesangs ist Botti im vergangenen Februar aufgestiegen, indem er als Nachfolger von Ruth Soland mit dem Kammerchor Baden eine renommierte Formation übernommen hat. Der Dirigent weiss seine Wahl aus 49 Kandidaten wohl zu schätzen: «Das ist eine grosse Ehre und eine schöne Aufgabe für mich». Für sein erstes Konzert im kommenden Oktober wählte er mit der «Berliner Messe» von Arvo Pärt und Werken von Grieg, Sibelius und Vasks ein exquisites und anspruchsvolles Programm. Im April 2006 steht dann Mozarts «Requiem» in Aussicht. Mit der Übernahme des Wettinger Singkreises im Sommer 2006 stellt sich Botti einer weiteren reiz- und verantwortungsvollen Aufgabe. «Die abtretende Dirigentin Ruth Fischer hat mich lange bearbeitet, bis ich zusagte», erklärte Botti, der dem Chor «viel Potenzial» zugesteht. Bei diesem Pensum bleibt wenig Zeit für die Pflege von Hobbys. «Aber ich nehme mir auch spät nach einer Probe die Zeit, etwas Gutes zu kochen», betonte Botti. Und wie steht es mit der Liebe? «Ich war lange Zeit ein überzeugter Junggeselle. Bei meinem Pensum war es sehr schwer, eine Beziehung aufzubauen», gesteht Botti. «Aber jetzt», schmunzelte er, «ist ein Feuer am Brennen.»

In der Region verwurzelt

Wo liegt das Erfolgsgeheimnis der bemerkenswerten Karriere? «Musik ist meine schönste Berufung. Damit will ich eine Botschaft vermitteln, etwas bewirken. Ich liebe die Herausforderung, stehen bleiben gibts bei mir nicht. Dabei will ich natürlich bleiben, nicht den Boden verlieren. Ich mache Musik nicht für mich, sondern mit und für die Menschen. Ich will die Sänger motivieren, Ihnen Ausstrahlung vermitteln», antwortet Renato Botti. Und noch dies: Botti wohnt seit anderthalb Jahren in Wettingen. «Mir gefällt es hier immer besser. Es macht mir Spass, in dieser Region tätig zu sein.»